Buchempfehlung: Frank Schätzing – Der Schwarm

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Frank Schätzings Der Schwarm ist weder unbekannt noch neu. Ich möchte das Buch aber dennoch empfehlen, denn ich denke, dass das Thema aktueller denn je ist.

Erschienen erstmals 2004 erzählt Der Schwarm von einer Reihe natürlicher Anomalien, die von Krabben über Würmern bis hin zu Walen, sämtliche Meeresbewohner zu betreffen scheinen und eine Abfolge von ebenso verheerenden wie unerwarteten Ereignissen in Gang setzten.
Das Ziel scheint der Mensch an sich zu sein.
Zufall?

Forscher aus allen Ländern und Fachbereichen kommen unter der Führung des Militärs der Vereinigten Staaten von Amerika zusammen um an einer Lösung oder zumindest einer Erklärung zu arbeiten.
Fokussiert wird aber auf Sigur Johanson, einem norwegischen Meeresbiologen und Genießer, der Maximilian Schell zum Verwechseln ähnlich sieht, Leon Anawak, einem indianisch aussehenden Walforscher mit Schwerpunkt Intelligenzforschung, der, abseits von sämtlichen Katastrophen, im weitesten Sinne mit seiner eigenen Identität und deren Findung zu kämpfen hat, außerdem ist da noch Karen Weaver, Journalistin von Deep Blue Sea, mit einer tragischen, aber ebenso motivierenden Vergangenheit.
Der „Thriller“, jedenfalls als solcher angepriesen, wenn ich auch sagen würde, dass man hier definitiv nicht mit dem Durchschnitts-Thriller rechnen darf, sondern auch mit Science-Fiction, hat noch jede Menge andere Protagonisten, die allesamt eine wichtige Rolle spielen und eigentlich alle erwähnt werden müssten, aber dann liest keiner mehr diesen Blogeintrag zu Ende.
Weder Sigur Johanson noch Leon Anawak sehen als Ursache arabische Terroristen oder vermuten puren Zufall. In ihren Köpfen wächst eine Vermutung heran, die wortwörtlich unglaublich ist und alles ändern konnte, sollten die beiden Forscher Recht behalten.

Gott würfelt nicht.

Unter der Führung des Stabs von Judith Li, General-Commander der US Navy, Jack Vanderbilt, stellvertretender Direktor der CIA und Major Salomon Peak, entwickelt allen voran Sigur Johanson diese Idee weiter, bis sie Ausmaße annimmt, mit denen nicht jeder einverstanden ist und die vor allem nicht jeder begreifen kann oder auch will, die aber einen nicht zu verachtenden Wahrheitsgehalt inne hat.
Lest selbst. Es kribbelt mich in den Fingern und ich könnte tausend Wörter mehr dazu schreiben, aber dann würde ich ja alles verraten.
Außerdem kann ich das sicher nicht mal halb so interessant, spannend und fesselnd schreiben wie Frank Schätzing selbst. Deshalb lest ihr am allerbesten vom Meister selbst.

Ich lege euch das Buch sehr ans Herz.
Vielleicht habt ihr es schon gelesen, vor Jahren schon, aber mögt es nochmal aus dem Schrank nehmen und wieder lesen.
Manche Bücher sind so – man kann sie wieder und wieder lesen und es tut ihnen keinen Abbruch – im Gegenteil, sie verlieren nie ihre Wichtigkeit.
Ich finde Der Schwarm ist so ein Buch.

Gerade jetzt, wo so vieles auf dieser Erde passiert, denke ich, dass wir beginnen sollten, alles einmal wieder in Perspektive zu setzten. Der Schwarm kann meiner Meinung recht gut dabei helfen.
Ich weiß aus persönlichen Quellen, dass einige Leute die ganze komprimierte Information, die das Buch in sich trägt, als schwer zu lesen empfinden. Ich kann nur von mir ausgehen und sagen, dass ich die Informationen, die ich bekommen habe, immer als interessant und dem Lesefluss angepasst empfunden habe.
Die Handlung ist nichtsdestotrotz mitreißend und actiongeladen, die Erklärungen werden zwar häufig, aber immer in verdaulichen Häppchen geliefert und die Handlung stagniert nur selten. Wann immer man denkt, dass es etwas zu theoretisch wird, weiß der Autor zu liefern und reißt einen mit den atemberaubenden, unbarmherzigen und spannenden Höhepunkten des Romans mit. Man wird nicht enttäuscht.
Ich denke jeder kommt auf seine Kosten – Wissenschaftsnerds, Leute, die Bücher mögen aus denen sie etwas lernen können und die Adrenalin-Junkies, bei denen etwas passieren muss, wo es schnell und dramatisch sein soll, wo man sich vielleicht auch nicht sicher sein kann, ob der Lieblingscharakter überlebt.
Für mich hat das Buch daher absolut alles, was ich will.

Für dich auch? Lass es mich wissen, solltest du es gelesen haben.
Vorsicht: Spoiler

Weshalb finde ich, dass es gerade heute wieder aktuell ist? Nun, ich will einfach einige der Stellen zitieren von denen ich denke, dass es wichtig ist, sich so etwas immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Wir sind nicht das zwingende Resultat irgendeiner Höherentwicklung der Natur“, sagte Crowe gerade. „Der Mensch ist ein Zufallsprodukt. Wir sind das Ergebnis eines kosmischen Glücksfalls, als ein Riesenmeteorit die Erde traf und die Saurier aussterben ließ. Ohne dieses Ereignis würde die Welt heute vielleicht von intelligenten Sauroiden bewohnt werden oder einfach nur von irgendwelchen Tieren. Natürliche Begünstigungen haben uns entstehen lassen, keine Folgerichtigkeit. Unter Millionen denkbarer Entwicklungen, seit die kambrische Evolution die ersten Vielzeller hervorbrachte, gibt es vielleicht nur eine, in der Menschen vorkommen.“

Aber Menschen beherrschen den Planeten“, beharrte Buchanan. „Ob Sie es wollen oder nicht.“

Sicher? Im Augenblick beherrschen ihn die Yrr. Kommen Sie endlich in der Wirklichkeit an, wir sind nur eine kleine Gruppe aus der Spezies der Säugetiere, die von der Evolution längst noch nicht als Erfolg verbucht wurde. Die erfolgreichsten Säuger sind Fledermäuse, Ratten und Antilopen. Wir repräsentieren nicht das letzte, krönende Stück Erdgeschichte, sondern nur irgendeines. Es existiert kein Trend zu krönenden Epochen in der Natur, nur Auslese. Die Zeit mag eine vorübergehende Zunahme körperlicher und geistiger Komplexität bei einer Spezies dieses Planeten verzeichnen, aber das ist aufs Gesamte betrachtet kein Trend und schon gar kein Fortschritt. Allgemein zeigt das Leben keinen Impuls in Richtung Fortschritt. Es fügt dem ökologischen Raum ein komplexes Element hinzu, während es zugleich die simple Form der Bakterien seit drei Milliarden Jahren bewahrt. Das Leben hat keinen Grund, etwas verbessern zu wollen.“
„Wie vereinbaren Sie das, was Sie da sagen, mit Gottes Plan?“,
fragte Buchanan beinahe drohend.
Wenn es einen Gott gibt und er ein intelligenter Gott ist, hat er es so eingerichtet, wie ich es schildere. Dann sind wir nicht sein Meisterstück, sondern eine Variante, die nur überleben wird, wenn sie sich ihrer Rolle als Variante bewusst wird.“ (S. 770, Z. 13 – S. 771, Z. 6)

Forschungen zufolge ist der Mensch ab einer gewissen Sub- bzw. Metastufe nicht mehr inder Lage, Intelligenz als solche zu erkennen. Als Intelligenz begreift er nur, was im Rahmen seines Verhaltens liegt. Jenseits dieses Rahmens, im Mikrokosmos etwa, würde er sie schlicht übersehen. Ebenso wird er in einer höheren Intelligenz, einem weit überlegenen Geist, bloßes Chaos erblicken, weil er dessen komplexe Sinnschlüsse nicht zu entwirren vermag. Entscheidungen einer solchen Intelligenz bleiben ihm unverständlich, da ihr Parameter zugrunde liegen, die seine intellektuelle Verarbeitungsfähigkeit übersteigen. Auch ein Hund sieht in einem Menschen nur die Macht, der er sich unterordnet, nicht den Geist. Menschliches Verhalten mutet ihm sinnlos an, weil wir auf Grundlage von Überlegungen handeln, die seine Wahrnehmung überfordern. Wiederum werden wir Gott, falls es ihn gibt, nicht als Intelligenz wahrnehmen können, weil sein Denken auf einer Gesamtheit von Überlegungen fußen dürfte, deren Komplexität sich uns bei weitem entzieht. Als Folge ist Gott chaotisch in unseren Augen und mithin kaum der Richtige, um die ortsansässige Fußballmannschaft gewinnen zu lassen oder Kriege zu vereiteln. Ein solches Wesen läge jenseits der äußerstmöglichen Grenze menschlicher Verständnisfähigkeit. Woraus sich zwingend die Frage ableitet, ob das Metawesen Gott seinerseits überhaupt in der Lage ist, uns auf unserer Substufe als Intelligenz wahrzunehmen. Vielleicht sind wir ja nur ein Experiment in einer Petrischale … (S. 895)

Vielleicht mag das kalt anmuten, mitleidlos und blasphemisch.

Vielleicht ist es das auch. Vielleicht aber auch nicht.
Im Endeffekt ist es immer das, was wir selber daraus machen. Aber wir sollten uns, gerade in heutigen Zeiten öfter bewusst werden, dass sich die Welt nicht um uns dreht. Der Erde ist es egal, ob wir leben oder sterben, ob die Luft für uns atembar ist, ob die Regenwälder gefällt werden oder Spezies aussterben. Das ist nur wichtig für uns und ich denke, das vergessen wir ein wenig zu oft.
Wir machen das alles hier für uns. Damit wir leben können, damit der Mensch ein Jahrhundert, ein Jahrtausend, länger existieren kann mit allem, was er zum Leben braucht.
Seltsamerweise scheint das aber immer einer zu vergessen: Der Mensch selbst.
Wieso?
Wir wollen leben und doch sind wir diejenigen, die unser eigenes Fortbestehen bedrohen.
Wir führen Kriege, wir fällen Regenwälder, wir verpesten die Luft und die Meere und, ja, wir haben Angst, wohin das führen könnte, trotzdem sind wir diejenigen, die es tun.
Gleichzeitig liegt darin auch unheimliches Potenzial; denn wir sind durchaus in der Lage etwas zu ändern, es zu stoppen, uns weiterzuentwickeln und Chancen zu ergreifen.
Wir haben die Freiheit etwas zu ändern, gar die Macht, natürlich begrenzt, aber wesentlich mehr als wir vermuten.
Wir sind Partikel, wir können nur in der Strömung treiben, aber wir können das Beste daraus machen.

Du bist ein Partikel.
Ein Partikel in der Vielfalt. Keinem anderen Menschen gleichst du vollständig, wie keine andere Zelle einer anderen in jedem Detail gleicht. Irgendetwas ist immer anders. So musst du die Welt betrachten. Als Spannbreite von Ähnlichkeiten. Ist es nicht tröstlich, dich als Partikel begreifen zu dürfen, wenn dir dafür Einzigartigkeit zugestanden wird?
Du bist ein Partikel in Raum und Zeit.
(S. 957, Z. 22 – 29)

2 Antworten auf “Buchempfehlung: Frank Schätzing – Der Schwarm”

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